Wann wird´s mal wieder richtig Winter? Ein bekannter holländischer Quizmaster nahm sich zwar 1975 mit dem Schlager den Sommer vor, aber die andere Jahreshälfte wäre es auch wert gewesen.
Bis zu eben diesem Jahr.
Der liebe Jung war im Winter 1978 beim Bund in Rheine, um Deutschland in der Truppenküche zu verteidigen. Und hatte einen VW Käfer in einem etwas bedenklichen Zustand, bei dem ich froh war, dass der TÜV ihm noch ein Jahr Zeit gab. Mit einem Bundeswehr-Salär von, ich glaube, 90DM monatlich, war man froh, wenn man über den nächsten Ersten kam und nicht in die Werkstatt musste. Im Sommer fuhr ich ungern bei Regen, da die Bodenplatte unter der hinteren Sitzbank fast „durch“ war. Wasser von unten blieb lange im Auto und schwappte einem beim Bremsen schon mal nach vorne um die Pedale. Da waren Temperaturen unter null natürlich super, weil das Wasser einfach gefror.
Überflüssig zu erwähnen, dass die Bereifung mit Sommerprofilen, die schon ein paar zehntausend Kilometer hinter sich bzw. weg hatten, vom ADAC nicht mehr als sommer- geschweige denn wintertauglich eingestuft worden wäre.
Die damals viel wichtigeren Details aber stimmten natürlich: dicke Lautsprecher auf der Hutablage, Gelhard Radio-Kassetten Spieler, Sportspoiler vorne und HELLA Fernscheinwerfer auf der Stossstange. Was konnte also schon passieren?
Der Wintereinbruch begann pünktlich mit Eiseskälte und Schneeflocken am Freitagnachmittag und wir Landesverteidiger wurden ins Wochenende entlassen („Kompanie: wegtreten!“). Alles stürmte auf den Parkplatz der Kaserne zu den schon leicht verschneiten Wagen. Ab da verdichteten sich die Ereignisse zusehends. Ich frage mich heute noch, warum ich da nicht einfach in der geheizten Kaserne geblieben bin, aber der „Heimattrieb“ war einfach zu stark.
Das Türschloss vom Käfer ging nicht auf. Zugefroren. Als Raucher hatte man zu der Zeit natürlich immer ein Feuerzeug zur Hand und zündelte unterm Schloss so lange, bis man zumindest den Schlüssel drehen konnte – geschafft!
Was kam jetzt? Die Türdichtung gab nicht nach – eingefroren. Da war auch noch so starkes Ziehen und Rappeln vergebens. Mittlerweile hatten der Schneefall und die Kälte zugenommen und der eisige Wind fegte über den kahlen Parkplatz. Was tun? Ich lief die fünfhundert Meter zur Kaserne zurück und kam mit einem Eimer heisses Wasser zurück. Als ich am Auto ankam, war das Wasser zwar nur noch knapp heiss, aber es reichte - schwupp – um die Dichtung zu lösen. Der Rest Wasser wanderte auf die gefrorene Windschutzscheibe und klärte da das Nötigste.
Nun hatte mein Käfer damals eine Stärke: er sprang immer an. Also erst mal im Stand laufen lassen (es gab noch nicht mal das Wort "Klimaschutz") und gewartet, bis das asthmatische Heizungsgebläse zumindest etwas warme Luft auf die Frontscheibe von innen und in den Fussraum hauchte.
Die Schneehöhe stieg und ich fuhr los. Wintertauglich – bei allen genannten Widrigkeiten – war der Käfer schon. Der Motor auf der Hinterachse sorgte auch bei deutlich optimierbarem Reifen-Profil für genug Gewicht, um Kraft auf die Strasse zu bringen.
Also erst mal zur Tankstelle und die Wintertauglichkeit erhöhen: Eis-Kratzer besorgen, Enteiser statt Scheibenwasser einfüllen - Verdünnung lohnte sich nicht mehr, Scheiben säubern, Volltanken … was halt so ging.
Die Verkehrshinweise überschlugen sich mit Wetterwarnungen, Staumeldungen und Nachrichten von gesperrten Strassen.
Von der Kaserne bis zuhause waren es 220 Kilometer. Mein Optimismus musste sich irgendwo zwischen zu hoch und unendlich blöd eingestuft haben.
Ich fuhr auf bereits verschneiten und bei Weitem noch nicht geräumten Strassen los. Die ersten Kilometer bis zur Autobahn funktionierten. Ich hörte die Lieblingskassette, drehte mir eine und blickte ansonsten zuversichtlich in die wachsenden Schneemengen.
Nach einigen Autobahnkilometern begann es. Die Wischerdüsen vereisten trotz hochprozentiger Waschlösung. Ab sofort nahm der Schmier auf den Scheiben immer mehr zu. Nur wenn man hinter einem LKW fuhr, der matschige Schneemassen hochwirbelte, gab es beim Wischen zwischenzeitlich klarere Sicht. Das bedeutete ab da: zuckeln hinterm Lastwagen und warten auf den Dreck. Und war das schon alles? Nein.
Der Scheibenwischermotor streikte von jetzt auf gleich – eingefroren. Um dem totalen Blindflug im dichten Schneetreiben zu entgehen, klappte ich ab da alle paar hundert Meter das kleine Seitenfenster auf, streckte die Hand raus, packte den Wischer und zog ihn nach links und rechts. Handschuhe? Fehlanzeige. Nach dem Einziehen der Hand brauchte es erst mal wieder etwas Zeit, bis ich die Finger bewegen konnte.
Sobald eine Tankstelle auftauchte, fuhr ich jedes Mal zum Scheibenreinigen raus und wärmte mich etwas auf.
Und so hangelte ich mich mit gefühlten tausend Zwischenstopps nach Aachen durch. Nur bei Kilometer 210 besann sich der Scheibenwischer plötzlich auf seine vom Werk zugedachte Aufgabe und lief einfach los – der Gott aller Käfer weiss, warum.
Selten habe ich mich zuhause so auf eine heisse Badewanne gefreut. Am nächsten Morgen lagen dreissig Zentimeter Schnee auf dem Käferdach. Panzer mussten raus fahren und manche Wege freiräumen bzw. Leute aus ihren Autos befreien. Braucht heute keiner mehr.

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