Mittwoch, 12. März 2014

Inflation der Nullen



Mit vier Jahren bekam ich mein erstes Geld. Ich hatte zehn Pfennig und konnte damit zum Kiosk gehen, der ein paar Minuten von unserer Wohnung entfernt lag. 

Dort gab es eine Frau, die Herrscherin über ungefähr fünfzig Glasbehälter voller Süßigkeiten war. In jedem lag etwas anderes: Lakritz Schnecken, Gummiteufel, -bärchen, -lutscher, -fledermäuse, Mäusespeck, Speckmäuse, Kaugummikugeln, saure Lutscher, süße Lutscher – es war zum Verzweifeln. 
Ich hätte jetzt natürlich zehn Gummibärchen kaufen und wieder gehen können. Die hätten sicher – eins nach dem anderen andächtig abgelutscht und intensiv geleckt - bis zum Abendessen gereicht, wenn es schon nach fünf gewesen wäre. War es aber nicht.
Oder ich hätte mir alternativ – auch für zehn Pfennig – drei Gummiteufel holen können. Ach, es gab jedes Mal die gleichen Überlegungen und die Tagesform siegte. Das Endergebnis war aber immer dasselbe: ich ging lutschend, dafür ohne Geld wieder nach Hause.
Dass es Leute gab, die viel, ja, sehr viel Geld hatten, wusste ich so richtig gar nicht. Mein Horizont für Geldbeträge wurde nach oben bestimmt durch die Fantastilliarden in Dagoberts Geldspeicher, der ja darin herumspringen konnte. Das Vermögen der Menschen zwischen meinem Taschengeld hier unten und seinem Reichtum da oben war eigentlich bei allen ziemlich gleich.

Aus zehn Pfennigen wurden Jahre später irgendwann ein, zwei, fünf oder zehn Mark. Taschengeld, was nie so lange wie die Woche oder der Monat reichte. Aber es hatte einen hohen Wert. Für Micky Maus Hefte, Kaugummi, Eis beim Italiener, später für Mofa-Sprit, Disko-Eintritt oder dann irgendwann Tabak und Blättchen, Kassetten oder LP´s. So hangelte ich mich – ständig pleite - durch die sich ändernden Konsumwelten der frühen Jahre. In der Schule gab es dann die reichen Schüler, die sich zum Beispiel wie der dicke Jürgen jeden Samstag im Red House nach der Schule eine Pizza bestellen konnten. Oder das Puddingbrötchen für 1,20 DM in den großen Pausen beim Bäcker an der Ecke.

Über Lehre, Studium und Jobs gab es dann Budget-Zuwächse, die Nullen nahmen zu und der relative Wert pro Mark immer mehr ab. Vor einer Woche ertappte ich mich dabei, dass ich mich für einen Cent im öligen Dreck nicht mehr bücken wollte, weil ich sehr in Eile war. Vor 50 Jahren wäre das nicht passiert, den Gegenwert eines Gummibärchens einfach liegen zu lassen. Ich hätte anschließend zuhause schlecht geschlafen. Aber ielleicht lag es auch daran, dass man einzelne Gummibärchen heute gar nicht mehr kriegt?

Verschwendung wie für öffentliche Bauten, bei denen Millionen brach liegen, weil die halbfertige Brücke irgendwo auf einem Acker in Niedersachsen ohne Anschlüsse drum rum wieder verfällt oder Beispiele wie Flughafen Berlin etc. lassen einen den Wert des Geldes in immer größeren Maßstäben betrachten und nicht mehr verstehen. Eine Situation, in der fast dreißig Millionen Steuern von einer einzelnen Person nicht gezahlt bzw. hinterzogen werden und die darauf schließen lässt, dass irgendwo erst einmal ein Betrag gelegen hat, auf den diese Höhe an Steuern hätte erhoben werden können/müssen, lassen mein Verständnis von Reichtum irgendwo zerbröseln.

Die hohen Zahlen als Vermögen kann man sich vorstellen, ja. Aber der „Grenznutzen“ der letzten dazuverdienten Million wird irgendwann so klein, dass man Zuwächse an sich nicht mehr genießt. 

Ein Gummibärchen mehr damals hingegen war ein willkommenes Geschenk.

Keine Kommentare: