Donnerstag, 22. August 2013

Italien, Urlaub im Land der Sonne

Ein Abriss in Teilen über das Reich von Signore Bunga Bunga, einem erklärten Hang der Einwohner zu Plastikstühlen und der Bitte um Mithilfe aller Leser bei der Frage, warum italienische Schwalben durchs Fenster ins Zimmer hinein fliegen aber zu doof sind, das Gleiche andersrum zu schaffen.

Teil 1: Espresso

Unzweifelhaft eines der Nationalgetränke auf dem Stiefel. Und die Expertise der Zubereitung ist dort ganz einfach vorhanden, das muss ich neidlos anerkennen. Glücklich nach Erwerb einer Espresso-Maschine vom Discounter und einer gehobenen Kaffeesorte in der Blechbüchse schmeckte mir mein Gepresster bis vor dem Urlaub eigentlich noch ganz gut. Schöne dicke Tassen, Zucker, die kleinen Löffel und diese wie-heißen-sie-noch-Kaffeebohnen mit Schokolade drumrum (danke, Martin!). Ausrüstung stimmte, lecker war es auch.
Dachte ich.
Kurze Werbepause.
Neues Bild: Restaurant in der Toskana. Nach dem Abendessen mit Pasta, Risotto und allem, was schmeckt und dick macht gehört der Schwarze einfach dazu. Er kommt und ist schon mal nur ein Drittel so viel wie zuhause, da fängt´s schon an. Zucker rein, rühren…Test. Göttlich! Geschmack ist, wenn man „hmmmmm..“ sagt.
Sofortige Diskussionen zu Kaffeesorte, Wasserdruck, Maschine, Füllmenge des Pulvers, Geschmack des Wassers, Dicke der Tassen, Haarlänge des Barista und Farbe der Tischdecke leben auf.
Zuhause wird jetzt eine Testreihe mit allen genannten Variablen starten, was nicht nur rein mathematisch lange dauert sondern wohl auch letztendlich zu der Erkenntnis führt, dass ich in eine vernünftige Maschine investieren sollte.
Aber: bei der Lösung mit Espresso auf der Herdplatte kochen fehlt mir die Crema, für die Maschine in Chrom mit Silber-Adler obendrauf, bar-Anzeige und einer Stunde Vorlaufzeit das Budget. Jetzt kommt ihr.

Donnerstag, 4. Juli 2013

Türkei - weit vor der EU und vor allem: so schön!

Es war irgendwann Anfang der Achtziger; ich studierte in Aachen und hatte eine wunderbare Studentenzeit mit noch schöneren Reisen.
 Hier die Highlights aus einer sechswöchigen Tour zu siebt (!) in einem alten Ford Transit – womit sonst fuhr man schließlich damals in den Balkan!
Kritischste Punkte der Vorbereitung: der extra dafür angeschaffte und mit Holzbänken umgebaute Hanomag gab bei der letzten Probefahrt vor dem Start mangels verlorenen Öls seinen Geist komplett auf. Schnellste Hilfe kam durch einen Freund, der uns tatsächlich seinen Transit (eben diesen) lieh – es musste nur noch im Licht einer Taschenlampe nachts eine neue Kardanwelle eingebaut werden. Tja, das gab es noch.
Zweiter Engpass: die drei Mädels bzw. das dazugehörende Gepäck. Es gab aus Fairness und um größere Reibereien zu vermeiden, für jeden Teilnehmer dieselbe grüne Segeltuch-Tasche für 5,50 DM von Nanu Nana als privaten Stauraum  - und mehr nicht! Was bei Jungs komischerweise (?) auf Anhieb funktionierte, traf auf ernste Bedenken bei den Mädchen. Aber es klappte.

Über Passau ging es nach Budapest. Da konnte man in den Bädern erkennen, dass nicht nur Köln und San Francisco  in Sachen tiefer Männerfreundschaft führend sind. Dementsprechend schnell waren wir Jungs, noch vor dem Ende der Seifenmassage wieder draußen.

Über den Autoput, den es noch gab, ging es in halsbrecherischer Fahrt über diverse Zollstationen in den Süden. An der ersten merkten wir, dass außer dem Kontrollieren der Ausweise ein wichtiger Punkt die richtige Dosierung des Bakschischs wichtig war. Bei zu viel Geld oder auch Naturalien           (Gummibärchen, Marlboro etc.) kam Verdacht auf und wir bzw. der FORD wurden auseinandergenommen. War es zu wenig,  brauchten die Zöllner gefühlte Ewigkeiten bis der Stempel im Pass war.

Daher späte Ankunft in Thessaloniki: in einer griechischen Kneipe pflegten wir ausgiebigst die Völkerverständigung, in dem wir so ungefähr alles aßen und tranken, was in der Küche, die wir mit dem Chef  besichtigen mussten, angerichtet und an der Theke eingeschenkt wurde. Der Transit muckte bei der Abfahrt da zum ersten Mal leicht, was das Anspringen anging. Wir schoben es auf den Ouzo im Chauffeur, womit wir ihm (dem Chauffeur) aber Unrecht taten. Fünf ebenfalls benebelte Griechen schoben uns an und riefen uns hinterher, wohin wir eigentlich wollten. Als wir „Istanbul“ sagten, gab es geballte Hände und wütende Rufe hinter uns her – da war die Freundschaft erst mal am Ende.

Drei Tage Istanbul – damals ein unbegreiflicher Verkehrsknoten aus Esels-Fuhrwerken,  stinkenden Uralt-Taxen, klappernden Hanomag-Bussen, Handkarren, bis zum Bersten beladenen und hupenden LKW´s und schreienden Händlern. Von den Minaretten schallte es, die Fähren zeigten, dass sie wussten, wie man Nebelhörner einsetzten. Krach ohne Ende und wir mittendrin – toll! Hier begann der Orient, keine Frage. 

Schiffstour am Goldenen Horn, Abendessen im Sonnenuntergang an der Galata Brücke, Hagia Sofia, Bazare. Im Bazar am nächsten Tag hätten wir eine Blondine aus unserer Truppe um ein Haar für drei Kamele an einen ortsansässigen Gewürzhändler verloren. Weitere Verhandlungen über ein mögliches viertes Tier durch uns wurden von ihr daher abrupt unterbrochen.
Ein aus Alemania vorab gebuchtes Hotel mitten in der Stadt hatte eine große Dachterrasse mit Blick auf das Haus gegenüber. Freundliche Damen winkten uns aus allen Fenstern über die Straße zu. Einerseits freute man sich an dem großen Interesse an uns Männern und die Brust wurde immer breiter, andererseits lobten wir die Gastfreundschaft dieses Volkes. Erst als wir nach längerem gegenseitigen Winken beobachteten, dass unten erstaunlich viele Männer in dieses Haus gingen aber keine der Damen heraus, dämmerte es langsam nicht nur über Istanbul.

Es ging weiter für drei Wochen kreuz und quer durch dieses wunderbare Land. Das anfängliche Mucken des Fords war mittlerweile eine ernstzunehmende Grippe. Jeder Morgen war bestimmt durch entweder eine längere bergab-schiebe Tour, wenn man am Abend zuvor entsprechend mit der Schnauze bergab geparkt hatte. Oder der Luftfilter bekam eine sorgfältig zu dosierende Menge an Insekten-Spray in den Rüssel geblasen; dann erfolgte die vorsichtige Zündung und man konnte hoffentlich jubeln. Händler auf der Strecke wunderten sich über den offensichtlich enormen Verbrauch an Insekten-Spray durch sieben Deutsche.

 Keine Neckermann Fahne verunzierte die Natur. Wir schliefen entweder einfach wild irgendwo im Wald, campten auf den wenigen Plätzen, die es überhaupt gab oder wurden sogar von Bewohnern spontan eingeladen, bei ihnen zuhause zu übernachten. Das konnte auch einmal im ersten Stock eines im Bau befindlichen Hauses enden – unter uns Beton, über uns nur der Himmel und Wände gab es auch noch keine.

Ein Besuch in einer Bank, um Geld zu holen, konnte damals so verlaufen:  die Bank öffnet, eine lange Schlange bildet sich sofort vor den Schaltern. Ich stehe als Nummer 15 oder 20 darin. Große Hitze wird von einem trägen Ventilator an der Decke umgeschaufelt.  Schwitzende Bankbeamte lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen und haben Zeit für alles, nur nicht für den Kunden. Auf einmal tippt mich einer auf die Schulter und fragt in fließendem Deutsch, ob ich vielleicht dort in der Ecke bei einem Tee warten möchte, bis die Schlange soweit vorgerückt sei? Unglaublich, oder?

Ephesus, Alanya, Antalya, Fethiye, Kas (damals noch ein menschenleerer Geheimtipp von Einheimischen, heute auf jedem Prospekt), Izmir, bis wir dann schließlich in Bodrum landeten.
Aber diese Orte und die Segeltour als letzter Höhepunkt der Reise machen dann den  zweiten Teil….

Freitag, 28. Juni 2013

Klein - aber immer noch Oho!



Der letzte Sonntag im Juni – traditionelles Datum für das Jahrestreffen des „KOTZ e.V.“ (Kleingartenzwerge ohne technisches Zubehör). 

Auch dieses Jahr erwartet man über 150.000 Gäste aus nah und fern im Gewächshaus des Frankfurter Palmengartens, die sich bei Gastvorträgen  zu aktuellem Geschehen rund um die Gartenwelt  auf den letzten Stand der Ereignisse im Grünen bringen lassen wollen.
In guter Tradition wird Zwergen - Obmann „Hans im Glück“ aus der Kleingartensiedlung „Grüner Daumen“ in Osterode mit seinen  mittlerweile 92  Jahren die Eröffnungsrede halten. Sein  Thema „Klimawandel im Zier-Garten aus der Sicht eines Outdoor-Experten“ dürfte Sonntag wieder einen Meilenstein in der fast einhundertjährigen Vereinsgeschichte darstellen.
Unterhaltung im umfangreichen Rahmenprogramm verspricht neben der neu einstudierten Fassung von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ auch eine Abordnung seltener Individuen der „Lack und Leder-Fraktion“. Leider überlebten aus dieser in den Neunzigerjahren erschienenen Gattung nur vereinzelte Kollegen, da ihr Äußeres bisweilen zu Krach zwischen manchen Nachbarn führten und Opfer nächtlicher Attentate oder Raubzüge wurden.
Politik im Garten – mit ein  zentrales Thema. So sucht man noch kurzfristig Freiwillige für die Nachbildung der Regierungsmannschaft als permanente Ausstellung im Empfang, scheiterte aber bis jetzt an der Nachbildung eines Rollstuhls im Kleinformat.
Weitere zahlreiche Anmeldungen zu Vorträgen wie „Robotermäher auf der Rasenfläche – Verkehrsraudis ohne Steuermann“, „Rheumasalben im  Langzeit-Test“ oder „Das nächtliche Balzverhalten rheinischer Kleingärtner – ein unfreiwilliger Beobachter berichtet“ zeigen das nicht nachlassende Interesse der Mitglieder.

Im Zuge der Elektrifizierung und Nutzung von Solarprodukten unterschiedlichster  Discounter  sind die Ursprünge des Gartenzwerges als einfache, aber zuverlässige Tonfigur des deutschen Vorgartens  in den Hintergrund gerückt. Quakende Solarfrösche,  Flusssteine als Bewegungsmelder , Weihnachtsbeleuchtungen im Megawatt-Bereich und ähnliche umstrittene Stromfresser führen im Gegenzug bei manchen alten, schon arthritischen Genossen dank der permanenten Feuchtigkeit im Garten zu manchem Dauerkribbeln. All diese Imponderabilien, neben den üblichen pinkelnden Hunden, auf Mützen pickende Elstern und langen Wintern mit Schneehöhen oberhalb der Angelrute machen das Leben nicht leichter.
Auch wenn die meisten der rund 20 Millionen Mitglieder bundesweit nie Gelegenheit hatten, Fernsehen zu erleben, ist doch Philosophie zur Bewältigung mancher Langeweile im Alltag allgegenwärtig. So soll in einer Umfrage geklärt werden: „Der Kosakenzipfel – eine stille Hommage an uns durch Vicco von Bülow?“
Ende der Veranstaltung wird gegen 23 Uhr sein. Ab 23.20 Uhr wird gemäht.

Montag, 17. Juni 2013

50 Jahre unfallfrei




Tja, das war mein Opa, der damit automatisch in den Himmel derer einrückte, die vom ADAC die goldene Ehrennadel erhielten. Wie der Verein das ca. 1980 herausgekriegt hat, weiß ich bis heute nicht. Auf jeden Fall hatte die Nadel einen ständigen Ehrenplatz am Revers.

Nun muss man sich mal zurückversetzen und sich die Hauptstraße von Posemuckel zwischen 1930 und 1980 vorstellen. Anfangs hieß sie wahrscheinlich noch nicht mal so, da der „Verkehr“ sich auf die täglichen Heuwagen mit Pferd, vereinzelte Motorräder (NSU), fünf Tretroller der Dorfjugend und alle zwei Wochen mal den Opel P4 des Bürgermeisters auf dem Weg zur Kreistags-Sitzung beschränkte. 

Die Chance, dort die ersten 20 Jahre überhaupt ein Fahrzeug zu treffen, mit dem man einen Unfall bauen konnte, war etwas geringer als gegen Ende der Siebziger. Total- oder sonstige Schäden waren dann wohl eher auf ein zu heftiges vorangegangenes Feiern des Chauffeurs als auf eine Kollision mit anderen beweglichen Objekten (abgesehen vielleicht von Kühen, dem Dorfhahn oder anderen Mitfeiernden) zurück zu führen.
Davon abgesehen rollte natürlich der sozusagen systemimmanente Verkehr (LKW und Panzer) in Richtung Osten nach der Mobilmachung bzw. beim Rückfluss der Flüchtenden (Handkarren und Holzvergaser-LKWs) und Verfolger (schon wieder Lkws und Panzer) nach Westen am Ende des nicht ganz tausendjährigen Reiches kurzfristig unverhältnismäßig stark. Unfälle, die in diesem Zusammenhang stattfanden, wurden aber meines Wissens vom ADAC zumindest nicht öffentlich erfasst, da sie oft staatenübergreifend stattfanden und schon im Zuge des Datenaustauschs zu Fragen unlösbarer Art führten.

Wie auch immer, eigentlich war man auch gegen Ende der Sechziger nicht unbedingt alleine auf der Straße, aber die Zahlen aller zugelassenen Fahrzeuge (1960: 8 Mio. , 2011: 50 Mio.) sprechen für sich.
Entsprechend wappnete die Kfz-Industrie sich bzw. den Fahrer mit immer neuen Gegenmaßnahmen, den GAU betreffend und bastelte über die Jahrzehnte so viel Airbags und Knautschzonen in Neuwagen, dass man jetzt wahrscheinlich den damaligen Dorfanger runterkullern könnte, locker die Tür öffnen und dann den ADAC nicht mal mehr rufen müsste, sondern auch das bereits elektronisch über Satellit erfolgt wäre.

Nur würde ich meinem Opa eben heute nicht mehr zum Tragen der Nadel am Revers raten. Zu groß wäre doch die Gefahr, dass er sich beim Kullern selbst aufspiessen würde, was dem ADAC trotz seiner 18 Millionen Mitglieder gar nicht gefallen würde.

Montag, 10. Juni 2013

Das „Wasser des Lebens“ und ich


uisge beatha  so viel sei gesagt, kommt aus dem Schottisch – Gälischen und bedeutet „Wasser des Lebens“. 

Nicht-Schottisch-Gälische Erdbewohner – also vermutlich ein großer Rest der Menschheit - sagen einfach Whisky. Aber das wussten Sie ja sicher alles schon. Kaum hat man sich dieser Weisheit gewidmet, fällt einem als gebildeter Humorist auf, dass dieser Begriff auch schon von den Franzosen okkupiert wurde (eau de vie = Lebenswasser = Schnaps, allerdings aus Obst). Wundert es? In beiden Fällen stelle man sich vor, dass erste dankbar aus wahrscheinlich abenteuerlich konstruierten Apparaten empfangene Destillate den sturmerprobten Küsten-Bauern aus der Normandie oder Bretagne mit verfeinerten Äpfeln genauso über den kalten Winter geholfen haben wie dem schottischen McSonstwie in den Highlands seine goldenen Tropfen aus Getreide. 
Sie bringen die Lebensgeister eben wieder, wo sie fehlen. Erst nach intensiverem Genuss kann man dann diesen Prozess auch rückwärts verfolgen. Und wenn wir schon mal dabei sind: „Wasser“ und „Leben“ wird - gar nicht erstaunlich - auch bei Aquavit (aqua vitae) durchaus begrifflich kombiniert, geschmacklich dann allerdings unter Mithilfe von Kümmel. Ich bin sicher, ähnliche Konstrukte gibt auch im Namibischen oder bei den Inuit, möchte aber das Wissenschaftliche hier gar nicht so auswalzen sondern dazu auf Wiki oder ähnliche links verweisen.
Als ein dem leckeren Festen und Flüssigen dieser Welt nicht abgeneigter Konsument wundert es mich eigentlich, dass es so lange gedauert hat, bis ich auch bei „Wasser des Lebens“ , speziell hier aber bei Whisky - gerne mitrede. Dazu folgende Episode.
Will man guten Honig probieren, geht man zu Bienen und nicht zum Discounter. Möchte man in gutes Fleisch beißen, sollte ein Metzgerbesuch nicht zu weit sein, auch wenn die Kühltheken auf dem Weg dorthin billiger und meistens näher sind. Ich weiß, wovon ich rede.
Und so war es 2006, als ich auf einen Wochenendtrip nach Edinburgh flog. Mit vier Tagen Zeit im Rucksack und noch ohne viel Ahnung von dem, was man da so tun sollte, stand ich irgendwann auf der Highstreet – oder Royal Mile – mitten in der Stadt. Ich bin als Fotograf nicht so der Marco Polo „Abhaker“ sondern lass mich lieber treiben von zufälligen Blicken in Seitenstraßen oder einfach meiner Nase. Ich liebe das englische Leben, die Lebensart und den dort typischen Humor, daher brauche ich vor Ort kein großes Programm. Aber wie es so geht, man ist mit Kamera und Tagesrucksack so seine drei bis vier Stunden auf dem Pflaster unterwegs und irgendwann sagt der Magen: „Stopp!“ Es knurrt. Zeit zur Einkehr.
Wer sich in englischen Pubs nicht wohlfühlt, hat mein Mitgefühl. Eine bessere Mischung aus Geselligkeit, Essen und Trinken, abgewohntem Mobiliar und glänzendem Kupfer, Glas und Holz wird man selten finden. Der Landadel im Tweed steht da neben dem Handwerker im Overall und man hat das Gefühl, sämtliche Castings von Rosamunde Pilcher bis Edgar Wallace und – je nach Pub -  dem Doktor und seinem lieben Vieh umgeben einen. Es gibt zwar auch hier – speziell beim Essen – Dinge, die ich für empfehlenswert, andere für das Gegenteil halte, aber die Mischung macht´s. Sheperd´s Pie schmeckt – Haggis schmeckt (mir) nicht. So hatte ich irgendwann meine zwei Lager plus Pie intus und genoss die Atmosphäre. Es wird natürlich an Edinburgh gelegen haben, dass die Bar hinter der Theke auf dem Regal neben den üblichen Verdächtigen eine fast unüberschaubare Menge an Whiskyflaschen unterschiedlichster Etikettierung beherbergte. Ich schätzte sie auf locker fünfzig bis sechzig Sorten.  
Mein bisheriger Kontakt mit Whisky – oder was ich laut Etikett dafür hielt – erstreckte sich auf zwei Stationen von früheren üblen Studentenzeit-Mixturen (Whisky Cola) auf später folgende Einzel-Tests von Johnny´s oder Dimples aller Art. Nicht mein Ding waren alle und führten daher in der Conclusio für mich dazu, dass ich beschloss, das Zeug nicht zu mögen. Es schmeckte nach fauler Gartenerde, scharf und teilweise sogar nach schon mal Gegessenem. Ich strich es also von meiner zukünftigen Getränkeliste und konnte auch so prima weiterleben.
Hier aber – im Auge des Sturms sozusagen – war es mir, als wäre ich vergleichbar mit einem typischen Touri, der im Steakrestaurant in Dallas, Texas, sitzt und sich als Vegetarier outet. Und wer will schon ein typischer Touri sein? Am wenigsten die typischen Touris!
Mein Blick fiel auf einen einzelnen Herrn an der Bar. Weißhaarig, wohl Mitte Sechzig, Tweed Jackett, Cordhose, Modell Landadel, vor sich ein Glas mit goldenem Inhalt. Er hätte als McIrgendwas von einem adligen Castle durchgehen können und ich war sicher, es parkte irgendwo ein grüner Jaguar oder Land Rover aus den Sechzigern vor der Tür.
Ich stellte mich neben ihn; wir kamen ins Gespräch. Es ging um Themen, die immer vorkommen, wenn Deutsche und Engländer sich unterhalten. Das Wetter, der Krieg, wer wann wo schon mal in der Weltgeschichte war und manchmal Fußball. Bevor es zu Fußball kommen konnte und das Gespräch dann wohl rapide abgestürzt wäre, da ich Abseits nicht mal auf Deutsch erklären kann, wechselte ich zum Thema Whisky. Ich erzählte ihm meinen Werdegang in dieser Richtung, erntete unverständliches Stirnrunzeln und fühlte mich gut aufgehoben. Er, so meine Bitte, habe jetzt die wahrscheinlich nie mehr vorkommende Gelegenheit, mich zu bekehren. Was, zum Teufel, hätte ich falsch gemacht? Da Engländer bei gleicher Aussage immer um Zehnerpotenzen höflicher klingen als wir, meinte er nicht „Just everything, my boy!“, sondern umschrieb es besser mit „Es hätte sicher Möglichkeiten gegeben, eine Verbesserung hie und da herbei zu führen.“
Zunächst winkte er das Mädchen hinter der Bar zu uns und zeigte auf eine Flasche aus dem Etikettendschungel hinter ihr. Sie nahm zwei Gläser und stellte sie vor uns. Wir prosteten uns zu und ich versuchte vorsichtig, der Sache näherzutreten. Ein Himmel tat sich auf! Weich, vollmundig, kräftig und nur so scharf, wie man es gerne schmeckte, lief das Lebenswasser innen an mir runter. Ich war so erstaunt, dass er lachte. So müsse Whisky schmecken, meinte er. Ich konnte ihm nur beipflichten.
Beweise im wissenschaftlichen Umfeld sind keine, wenn der Versuch nur einmal geklappt hat, soviel ist sicher. Um der Hypothese, es sei ein Zufall gewesen, sämtlichen Boden zu entziehen, wiederholten wir den Versuch. Er opferte sich ebenfalls. Klare Ansage von da ab: das Zeug schmeckt. Aber nicht, sobald „Whisky“ auf der Flasche steht, sondern sobald auch ein Destillat, was den Namen verdient, drin ist.
Leider konnte er meine Feldforschungen nicht weiter begleiten, da sich ja erwähnter Oldtimer noch vor der Tür befand. Und so schieden wir in der festen Überzeugung, viel für den britisch-deutschen Austausch getan zu haben (dem europäischen Gedanken insgesamt wollte er trotz drittem Glas nicht weiter näher treten; Adel verpflichtet schließlich).
Immer wenn ich „meine Marke“ jetzt irgendwo entdecke, denke ich an den alten Herrn und beneide ihn – aus genannten Gründen – um seinen wohlsortierten Haus-Pub. Prost! Er hat mein Leben bereichert.

Freitag, 7. Juni 2013

Betroffenheit ist eine Zier...



In der letzten Ausgabe der „ZEIT“ gab es einen Artikel zu einem interessanten Experiment. 
Auf den Punkt gebracht konnten Probanden (das sind die, die man in der Statistik hinterher so bewerten kann, dass die Statistik das aussagt, was man vorher schon beweisen wollte) das Leben einer Maus in Euros bewerten. Und zwar einer Maus, die direkt vor ihnen im Käfig saß. Man konnte soundso viel zahlen und die Maus blieb am Leben, zahlte man weniger, wurde sie getötet. In diesem Fall war es egal, da sie sowieso hinterher sterben mussten, da es Versuchsmäuse mit gentechnischem Hintergrund waren; ihr Leben war aus irgendwelchen EU-Richtlinien heraus sowieso verwirkt. Das wussten die Probanden aber nicht.

Ein anderes Experiment, in den Sechzigern glaube ich, erlaubte es Versuchspersonen, andere Menschen (hinter einer Glasscheibe sichtbar) mit Elektro-Schocks per Knopfdruck und variabler Skala ( „kaum merkbar“ bis „fast tödlich“) so zu bestrafen, wie sie es für richtig hielten, wenn diese eine Frage falsch beantwortet hatten. Reaktionen der Schocks wurden gezeigt. Es zeigte sich, dass die Knopfdrücker teilweise Impulse veranlassten, die im richtigen Leben zum Tode geführt hätten. Die Reaktionen allerdings waren nur gespielt, es floss kein Strom.
Warum erzähl ich das alles hier? Es geht um Betroffenheit. Ab wann sind wir direkt betroffen von Dingen; wie nah müssen sie kommen, damit wir die Nähe spüren und entsprechen reagieren?
Dammbrüche in China, Tsunamis in Asien, Tornados in Oklahoma, Aids in Kenia, Hunger im Sudan. So weit, so schlecht. Entfernung: 4 -14000 km, je nachdem. Ein Fall für die Tagesschau als Opener (am ersten und vielleicht zweiten Tag noch), dann rutscht das Ganze in die zweite Reihe, flankiert durch die entsprechenden Spendenaufrufe auf diverse Konten. Wenn die Opfer Glück haben, gibt’s noch einen RTL-Spenden-Marathon von 20 bis 24 Uhr mit 10 Promis an der Hotline (meine Empfehlung: Herr Kubicki, der war schon mindestens zwei Wochen nicht mehr auf dem Schirm). Hier hat der gute Deutsche Gelegenheit, sich durch 10 Euro frei zu kaufen (… irgendwo hatte ich das mal im Religionsunterricht, glaube ich…), ab 100 Euro taucht er dann auch im Laufband unten auf der Mattscheibe auf und kann das Foto dann auf FB senden. Hier stimmt der Abstand noch: „Ich hab ja was getan, war nur zu weit weg.“

Szenenwechsel: Grimma, Leipzig, Dresden. Hochwassermarkierungen von 2002 sind teilweise wegen Überflutung nicht mehr lesbar. Eine Sondersendung jagt die nächste, Frau Merkel und andere Politgrössen vermitteln in Gummistiefeln Betroffenheit vor Ort. Entfernung vom Rheinland? Ca. 600 km – je nach Standort. Da wird’s schon enger (denkt man so für sich) weil einige Berliner schon angereist sind um Sandsäcke zu stapeln. Hat man Verwandte dort, ist man arg in der Zwickmühle. Soll ich? Man weicht vielleicht auf die Öko-Bilanz aus: „Verbrauche ich mehr Sprit für dahin, als dass sich das lohnt, mit 675 anderen einen Sandsack nach dem anderen voll zuschaufeln?“ In jedem Fall mal Spenden – vorsichtshalber etwas mehr, wegen der Nähe.

Winter in Deutschland. Schnee, Schnee, Schnee. Schaufeln wird zum Standard vor dem Frühstück. Und die alte Frau Müller nebenan mit ihren sechzig Metern Strassenfront? Da hilft man dann doch. Sie kann es ja nicht mehr, wegen der Hüften. Und der Apfelkuchen von ihr neulich, der war schon klasse!

4. Akt: Das eigene Haus brennt. Alles weg, Möbel, Kleidung, Dokumente, Geld. Man selbst steht im Bademantel auf der Strasse.
„Schlafen Sie erst mal bei uns!“, „Ich hab doch noch die Sachen von meinem Verstorbenen im Keller, die können Sie haben.“ Feuerwehr vor Ort. WDR vor Ort. Facebook vor Ort. Nachbarn vor Ort. Bürgermeister vor Ort. 

Sprung: Wochen gehen ins Land und man hat wieder eine Bleibe, das Leben geht weiter, die Versicherung hat gezahlt. Beim Durchgehen der Konto-Bewegungen und Mails nach längerer Zeit: kann man sich da noch wundern, wenn die Tante aus Vancouver nicht gespendet hat?